Ich begreife Theater als ein Spiel und wie jedes Spiel greift es auf Mechanismen des Alltags zurück und demonstriert gleichzeitig Aspekte unserer Persönlichkeit. Im Gegensatz zum täglich gelebten Alltag mit seinen Determinationen und seinen Vorgaben im Sinne eines Leistungsprinzips, lässt das Spiel im Theater das Risiko zu Scheitern bewusst zu. In diesem experimentellen Rahmen entsteht die Freiheit in alle Richtungen zu Denken und zu Handeln, ohne in der Konsequenz damit langfristig zu leben. Erst in einem solchen Spiel kann sich der Mensch als individuelles Wesen konstituieren. In der Arbeit mit Kindern und vor allen Dingen Jugendlichen wird dieser Aspekt zunehmend wichtiger, da die Möglichkeiten und Optionen der Kinder diesen Moment der Freiheit im eigenständigen Spiel zu entdecken immer weiter schwindet. Ich möchte an dieser Stelle keine pauschalisierenden Aussagen treffen, sondern lediglich meine Beobachtung und Motivation, die ich durch und mit meiner Arbeit mit Kindern bekommen habe, wiedergeben. 

Die Gründe für diesen zunehmenden Verlust der Spielsituation sind so vielseitig wie die Lebensbedingungen heute und müssen im einzelnen Fall betrachtet werden. 

Was daraus jedoch resultieren sollte ist ein Umdenken in Bezug darauf, was Theater mit Kindern und Jugendlichen leisten kann und muss. Viel zu oft entdecke ich in Schulen eine Übertragung des Leistungsprinzips auf den Umgang mit Theater. Im Zentrum stehen Aufführungen und nicht das Experimentieren und Erfahren. Hinzu kommt der Zeitdruck neben der Schule und allen anderen Aktivitäten auch noch Theater zu „spielen“ und das mit einem vorzeigbaren Ergebnis. Damit wird der Moment des Risikos und des Scheiterns, den das Theater als Spiel so auszeichnet bis auf ein Minimum eliminiert zu Gunsten einer Eingliederung in ein weitverbreitetes System des Lobes und der Anerkennung.

An freies Probieren und kreatives Spiel ist an dieser Stelle nicht mehr zu denken. 

In meinen Arbeiten mit Kindern versuche ich diesen Druck von vornherein rauszunehmen.  Ich spreche Bereiche des Theaters an, die nicht in ein klassisches Schema passen und einen anderen Zugang brauchen. Vom Live-Hörspiel bis hin zu einem Gedichte-Workshop sind alle Grenzen da, um durchbrochen zu werden. Dabei bleibt die Auseinandersetzung mit dem Handwerk Theater nicht aus, sondern wird auf anderen Ebenen eingebaut, um als Grundlage zu dienen und Werkzeuge in die Hand zu geben und zu nutzen. Im imaginären Spiel versuche ich nicht den Alltag der Kinder aufzugreifen und zu verwenden, sondern erst einmal so weit weg wie möglich zu denken. Die Distanz zum eigenen Ich ist meiner Meinung nach ein wichtiger Bestandteil der Befreiung im Spiel. In späteren Phasen der Arbeit passiert es automatisch, dass der Alltag Bezug nimmt auf das Experimentieren, dann jedoch in reflektierter und meist produktiver Form und mit einer nötigen Distanz. Die wichtigste Grundlage der Arbeit mit Kindern bleibt jedoch der Spaß und der Humor, und eine bestimmte Form des ehrlichen und lockeren Umgangs ohne dogmatisches Regelwerk.